CallCenter Profi

Interview: "Rollen sollten aus Überzeugung entstehen, nicht aus Erwartung"

 – Alexander Jünger

Über Familienunternehmen im Contact Center-Markt, unterschiedliche Rollen der Generationen und die Frage, warum Nachfolge nicht immer innerhalb der Familie stattfinden muss, sprachen wir mit Rüdiger Wolf, Geschäftsführer der TAS Mülheim GmbH, und seinem Sohn Christian.

CallCenterProfi: Herr Wolf, viele Unternehmen im Contact Center-Markt beschäftigen sich derzeit mit Zukunfts- und Nachfolgefragen. Spüren Sie in der Branche einen Generationenwechsel?

Rüdiger Wolf: Die inhabergeführten Familienunternehmen in unserer Branche sind ja schon weniger geworden. Aber ja, wer schon so viele Jahre aktiv im Markt ist, tut gut daran über den Fortbestand und die Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens nachzudenken. Ohne, dass ich tiefe Einblicke in alle Call Center-Familienbetriebe habe, meine ich schon, dass der Generationenwechsel entweder schon vollzogen wurde oder sich im geplanten Übergang befindet.

CallCenterProfi: Mit Ihrem Sohn Christian arbeitet bereits die nächste Generation im Unternehmen. Wie offen sprechen Sie innerhalb der Familie über das Thema Nachfolge?

Rüdiger Wolf: Sehr offen. Ich halte das gerade in Familienunternehmen für besonders wichtig. Solche Fragen sollte man nicht aus Erwartung oder Tradition heraus beantworten, sondern ehrlich miteinander besprechen. Bei uns war immer klar, dass Christian sich sehr engagiert in der TAS Mülheim einbringt und Verantwortung übernimmt. Gleichzeitig schauen wir gemeinsam darauf, wo die jeweiligen Stärken, persönlichen Bedürfnisse und Ziele liegen und was langfristig die beste Lösung für TAS Mülheim ist. Wir denken dabei auch über klassische Muster hinaus.

CallCenterProfi: Christian Wolf, wie sind Sie ursprünglich ins Unternehmen gekommen?

Christian Wolf: Natürlich begleitet einen ein Familienunternehmen von klein auf. Die TAS war für mich immer präsent. Mein Einstieg ins Unternehmen war aber trotzdem kein festgelegter Plan, sondern eher ein natürlicher, schrittweiser Weg. Ich kannte alle Bereiche der TAS Mülheim und konnte mich in allen Bereichen einbringen, sehen was mir Freude macht und wo ich einen guten Beitrag leisten kann. Mit der Zeit hat sich gezeigt, dass ich vor allem bei Themen wie Außenauftritt, Marketing und Recruiting einen guten Beitrag leisten kann. Dort liegen meine Interessen und auch meine Stärken. So ist meine Rolle bei uns über die Jahre organisch gewachsen.

CallCenterProfi: War für Sie persönlich irgendwann einmal eine operative Führungsrolle in TAS Mülheim eine Option?

Christian Wolf: Über solche Fragen denkt man in einem Familienunternehmen natürlich irgendwann nach. Bei mir ist mit der Zeit immer deutlicher geworden, dass meine Stärke nicht in der operativen Gesamtführung liegt, sondern in den Bereichen, in denen ich heute arbeite. Ich beschäftige mich sehr gern mit Außenwirkung, Positionierung, Sichtbarkeit und Recruiting. Das ist der Bereich, in dem ich für TAS Mülheim meinen größten Mehrwert sehe. Ich übernehme gern Verantwortung und treffe auch gern Entscheidungen, doch ich möchte nicht allein die Gesamtverantwortung für rund 400 Menschen tragen. Mir war wichtig, das offen so zu benennen. Ich finde, Rollen sollten in einem Unternehmen aus Überzeugung und Passung entstehen.

CallCenterProfi: Früher wurde in vielen Familienunternehmen erwartet, dass die nächste Generation automatisch übernimmt. Beobachten Sie, dass sich diese Haltung verändert?

Rüdiger Wolf: Das hoffe ich sehr, für die Unternehmen und noch mehr für die Menschen. Was mich im Leben antreibt, was ich in meinem Leben mache und aufbaue ist mein Leben. Da hätte ich mir niemals reinreden lassen oder mich in eine Rolle zwingen lassen, die mir nicht gefällt. Deshalb gab es für mich nie die Erwartung, dass mein Sohn zwingend das weiterlebt, was mein Traum war und ist. Das ist sein Leben und jeder darf doch bitte sein Leben so gestalten, dass er darin glücklich ist. Wenn das dann zufällig passt, ist das schön. Wenn nicht, dann ist das auch gut. Nichts ist schlimmer, als einen ungeliebten Job machen zu müssen. Wer nicht brennt, kann andere nicht anstecken. Ohne Leidenschaft und Begeisterung entsteht nur Durchschnitt - und noch schlimmer - leben Menschen ein Leben, das sie nicht erfüllt und unglücklich macht.

CallCenterProfi: Wie erleben Sie beide die Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn im Alltag bei TAS Mülheim?

Rüdiger Wolf: Ich erlebe sie als sehr vertrauensvoll und konstruktiv. Natürlich kennt man sich sehr gut, das erleichtert vieles im Alltag. Das ist jedoch nicht unbedingt vom ersten Tag an so. Auf dem Weg dahin gab es, zumindest für mich, einige Herausforderungen. Da verschmischten sich schonmal private Themen mit betrieblichen und umgekehrt. Da habe ich auch häufig mehr Einsatz oder Leistung als bei anderen erwartet, nur damit nicht das Gefühl aufkommen könnte "klar ist ja auch der Sohn". Das macht es manchmal herausfordernd. Mit der Zeit verlieren sich diese Dinge dann Gott sei Dank.

Christian Wolf: Und gleichzeitig achten wir darauf, dass wir bei TAS Mülheim klare Rollen haben. Das ist wichtig. Ich bringe meine Schwerpunkte im Außenauftritt, im Marketing und im Recruiting ein, mein Vater bringt seine langjährige Erfahrung und seinen unternehmerischen Blick mit. Gerade diese Mischung empfinden wir als Stärke.

CallCenterProfi: Christian Wolf, welche Perspektiven bringt Ihre Generation vielleicht anders in TAS Mülheim ein?

Christian Wolf: Ich glaube, meine Generation bringt vor allem eine gewisse Offenheit mit. Wir schauen oft noch stärker darauf, was sich verändern darf, welche neuen Wege sinnvoll sein können und wie man Dinge gemeinsam weiterentwickelt. Mir ist wichtig, dabei nicht an alten Mustern festzuhalten, aber genausowenig Bewährtes kleinzureden. Für TAS Mülheim heißt das für mich: offen denken, gemeinsam abwägen und schauen, was langfristig wirklich gut zum Unternehmen und zu den Menschen passt.

CallCenterProfi: Wenn eine klassische familieninterne Nachfolge nicht im Vordergrund steht, was bedeutet das für Ihre langfristige Planung bei TAS Mülheim?

Rüdiger Wolf: Für uns bedeutet das vor allem, dass wir frühzeitig und verantwortungsvoll darüber nachdenken, wie wir langfristig gut aufgestellt bleiben. Das ist kein harter Schnitt und auch kein einmaliger Beschluss, sondern eher ein Prozess, der sich entwickelt. Ich habe das Glück auf allen Führungspositionen die perfekt geeigneten Kolleginnen und Kollegen zu haben und dass diese seit langen Jahren dabei sind. Zudem habe ich sehr früh begonnen diesen Menschen zu vertrauen, ihnen Verantwortung zu übertragen und Sie eigenständig, verantwortungsvoll agieren zu lassen. Damit steht das Unternehmen auch ohne mich solide da. Wir überlegen gemeinsam, was für TAS Mülheim am besten ist. Dazu gehört auch die Perspektive, operative Verantwortung künftig auch in die Hände einer Geschäftsführung zu legen, die fachlich und menschlich sehr gut zu den Werten und der DNA der TAS Mülheim passt.

CallCenterProfi: Welche Nachfolgemodelle beobachten Sie derzeit in der Branche?

Rüdiger Wolf: Soweit ich das einschätzen kann, gibt es nicht das eine Modell. Vielmehr sieht es danach aus, dass es wie gehabt individuell und je nach Situation erfolgt. Ich denke die familieninterne Lösung ist mehrheitlich die erste Lösung, aber auch der Unternehmensverkauf ist für mache die Lösung, ebenso wie bei uns die Fortführung unter Einbeziehung externen Personen.

CallCenterProfi: TAS Mülheim besteht seit über 30 Jahren. Welche Rolle spielt diese lange Geschichte bei Ihren Überlegungen?

Rüdiger Wolf: Eine große Rolle. Natürlich bin ich stolz auf das, was wir gemeinsam geschaffen haben, auf unsere Werte, die wir seit 35 Jahren leben. Das bis zum Lebensende zu erleben, zu sehen wie sich das Unternehmen anpasst, neu erfindet und aktiv die Zukunft gestaltet, das ist einfach ein richtig gutes Gefühl. Wenn ein Unternehmen wie TAS Mülheim über 35 Jahre gewachsen ist, dann trägt man Verantwortung – für die Mitarbeitenden, für Kundenbeziehungen und für das, was über viele Jahre aufgebaut wurde. Also alle, die uns so schätzen wie wir sind und uns vertauen. Deshalb schauen wir sehr bewusst darauf, wie wir die Zukunft für alle erfolgreich gestalten. Es geht nicht darum, alles auf den Kopf zu stellen, sondern darum, TAS Mülheim in einem guten Sinn, verlässlich weiterzuentwickeln.“ Und ich gedenke noch viele Jahre meinen Beitrag dazu zu leisten.

Christian Wolf: Genau. Wir schauen nicht nur darauf, wie man es immer gemacht hat, sondern gemeinsam darauf, was langfristig am besten für die TAS Mülheim und alle Partner ist. Dieses gemeinsame Denken finde ich sehr wertvoll.

CallCenterProfi: Noch eine Frage zum Abschluss: Welche Rolle sollten Familienunternehmen künftig im Contact Center-Markt spielen?

Rüdiger Wolf: Ich denke, eine zunehmend wichtige Rolle. Ich glaube daran, dass auch unsere Branche kleine, mittlere und große Anbieter braucht. Familienunternehmen wie TAS Mülheim bringen oft etwas mit, das gerade in einem dynamischen Markt wertvoll ist: langfristiges Denken, absolute Verlässlichkeit, hohe Flexibilität, Nähe zu Mitarbeitenden und Kunden. In Familienunternehmen ist vieles überschaubarer, schneller und persönlicher, das schafft eine besonders hohe Identifikation mit dem Unternehmen, ebenso wie zu den Projektpartnern und das auf Augenhöhe mit gemeinsamen Zielen.

Christian Wolf: Und gleichzeitig geht es darum, offen für Veränderung zu bleiben. Ich glaube, genau in dieser Verbindung liegt unsere Stärke und vieler anderer Familienunternehmen: Werte bewahren und sich trotzdem weiterentwickeln.

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