Interview: "Die Türkei wird zur echten Nearshore-Alternative"

Über den türkischen Contact Center-Markt, den wachsenden Bedarf an deutschsprachigen Services und die Rolle der Türkei im Nearshore-Geschäft sprachen wir mit Ergün Erdem, Geschäftsführer bei Gold BPO Contact Center in Istanbul.
CallCenterProfi:Herr Erdem, wie stellt sich der Contact Center-Markt in der Türkei aktuell dar?
Ergün Erdem: Der türkische Contact Center-Markt umfasst aktuell ein Volumen von rund 1,5 bis zwei Milliarden Euro pro Jahr. In den vergangenen Jahren ist er stark gewachsen, mit durchschnittlichen Wachstumsraten zwischen etwa acht und 15 Prozent jährlich. Treiber dieser Entwicklung sind vor allem E-Commerce, Banken und Versicherungen, die Telekommunikationsbranche sowie zunehmendes Outsourcing aus Europa.
CallCenterProfi: Wie viele Menschen arbeiten derzeit in der Branche?
Ergün Erdem: Derzeit sind rund 170.000 Agents in der Branche tätig. Etwa 60 Prozent davon arbeiten in Inhouse-Call Centern, während rund 40 Prozent bei externen Dienstleistern, also im BPO-Segment, beschäftigt sind.
CallCenterProfi: Welche Städte haben sich als zentrale Standorte für Service Center etabliert?
Ergün Erdem: Die wichtigsten Standorte sind klar verteilt. Istanbul ist der größte Markt und zugleich Sitz vieler Unternehmenszentralen sowie Zentrum für mehrsprachige Services. Ankara spielt vor allem im Bereich staatlicher Dienstleistungen und im Bankensektor eine wichtige Rolle. Izmir hat sich als Standort für Nearshore-Projekte und Fremdsprachen etabliert. Antalya profitiert vom Tourismus und ist ebenfalls stark im mehrsprachigen Service. Bursa ist durch Industrie und Automotive geprägt, während Eskisehir durch seine hohe Studierendenzahl als Talentpool interessant ist.
CallCenterProfi: Welche internationalen Anbieter sind in der Türkei aktiv?
Ergün Erdem: Zu den großen internationalen Anbietern vor Ort gehören TP, Concentrix, TELUS Digital und Foundever.
CallCenterProfi: Und welche großen lokalen Anbieter prägen den Markt?
Ergün Erdem: Zu den wichtigsten lokalen Anbietern zählen Assistt, CCC Turkey und Callus.
CallCenterProfi: Wie groß ist der Pool an deutschsprachigen Fachkräften?
Ergün Erdem: Aktuell liegt der Pool bei etwa 11.000 bis 13.000 deutschsprachigen Agents, Stand April 2025. Rund 60 Prozent davon arbeiten im BPO-Bereich.
CallCenterProfi: Welches Sprachniveau bringen diese Agents in der Regel mit?
Ergün Erdem: Bei deutschsprachigen Call-Center-Agents sind in der Regel Sprachniveaus zwischen B2 und C1 üblich, da diese für eine professionelle Kundenkommunikation vorausgesetzt werden.
CallCenterProfi: Wie erwerben die Mitarbeitenden diese Deutschkenntnisse?
Ergün Erdem: Die Deutschkenntnisse stammen aus unterschiedlichen Quellen. Dazu gehören Rückkehrer aus Deutschland, insbesondere aus der zweiten und dritten Generation, ebenso wie Absolventen deutscher Schulen in Istanbul, Izmir und Ankara. Hinzu kommen Hochschulabsolventen, beispielsweise aus Germanistik- oder tourismusnahen Studiengängen, sowie Menschen mit familiärem Bezug zu Deutschland. Ergänzt wird das durch berufliche Sprachschulen.
CallCenterProfi: Wie entwickelt sich die Nachfrage nach deutschsprachigen Services?
Ergün Erdem: Die Nachfrage ist sehr hoch und steigt weiter an. Viele deutsche Unternehmen suchen gezielt nach Nearshore-Alternativen, da Standorte wie Polen, Rumänien oder Bulgarien deutlich teurer geworden sind. Die Türkei punktet hier vor allem mit niedrigeren Kosten, einer großen Bevölkerung, guter Erreichbarkeit und einer vergleichsweise hohen kulturellen Nähe zum deutschen Markt.
CallCenterProfi: Wie sehen die Gehaltsstrukturen im Markt aktuell aus?
Ergün Erdem: Türkischsprachige Agents verdienen im Durchschnitt zwischen 700 und 900 Euro brutto pro Monat. Deutschsprachige Agents liegen bei etwa 1.200 bis 1.700 Euro. In Führungspositionen, etwa als Teamleiter oder Seniorberater, sind Gehälter von bis zu 2.000 Euro möglich.
CallCenterProfi: Mit welchen Gesamtkosten müssen Auftraggeber pro Arbeitsplatz rechnen?
Ergün Erdem: Die Gesamtkosten pro Arbeitsplatz für deutschsprachige Agents liegen in der Regel zwischen 20 und 40 Euro pro Stunde. Das entspricht etwa 3.200 bis 6.400 Euro monatlich bei Vollzeit. In diesen Kosten sind neben dem Gehalt auch Sozialabgaben, Büroinfrastruktur sowie Management- und Overheadkosten enthalten. Ein typisches Modell umfasst ein Bruttogehalt zwischen 1.300 und 2.500 Euro zuzüglich etwa 30 bis 50 Prozent Arbeitgeberabgaben. Der Lohnanteil basiert häufig auf rund 1.300 Euro netto, was etwa 1.800 Euro brutto entspricht, ergänzt um variable Vergütungsbestandteile. Hinzu kommen fixe Kosten wie Steuern und administrative Aufwände. Im Vergleich zu Deutschland liegen die Kosten in der Türkei damit um etwa 50 bis 70 Prozent niedriger.
CallCenterProfi: Wie haben sich die Gehälter in den vergangenen Jahren entwickelt?
Ergün Erdem: Die Gehälter in der Branche haben sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren deutlich erhöht. Während Einstiegsgehälter im Jahr 2012 noch bei etwa 350 bis 750 Euro lagen, bewegen sich deutschsprachige Positionen heute im Bereich von 1.300 bis 2.500 Euro zuzüglich Boni. Diese Entwicklung wird vor allem durch Inflation, steigende Mindestlöhne und die wachsende Nachfrage nach Fremdsprachen getrieben. In den vergangenen fünf Jahren sind die Gehälter in türkischer Lira jährlich um etwa 15 bis 25 Prozent gestiegen. In Euro gerechnet fällt der Anstieg aufgrund von Wechselkurseffekten moderater aus. Gleichzeitig zeigt sich ein klarer Trend: Der Wettbewerb um gut qualifizierte deutschsprachige Agents nimmt deutlich zu.
CallCenterProfi: Welche Faktoren sprechen aus Ihrer Sicht für die Türkei als Nearshore-Standort?
Ergün Erdem: Die Türkei bietet eine Reihe von Vorteilen. Dazu zählen eine große und junge Bevölkerung, vergleichsweise niedrige Arbeitskosten sowie eine hohe Serviceorientierung. Hinzu kommen kurze Flugzeiten von etwa zwei bis drei Stunden nach Deutschland, flexible Arbeitszeitmodelle und eine insgesamt hohe Resilienz, auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten.
CallCenterProfi: Wie ist die technische Infrastruktur für Contact Center aufgestellt?
Ergün Erdem: In den großen Städten ist die Infrastruktur gut bis sehr gut ausgebaut. Es gibt Glasfaseranschlüsse, stabile Rechenzentren und cloudbasierte Arbeitsumgebungen. Auch Homeoffice-Modelle sind weit verbreitet. In ländlicheren Regionen ist die Infrastruktur teilweise schwächer, spielt aber für größere Servicecenter eine geringere Rolle.
CallCenterProfi: Welche Rolle nimmt die Türkei im europäischen Outsourcing-Markt ein?
Ergün Erdem: Die Türkei entwickelt sich zu einem sogenannten Emerging Nearshore Hub und wird zunehmend als Alternative zu osteuropäischen Standorten wahrgenommen. Besonders attraktiv ist das Land für Unternehmen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Auch wenn die Türkei noch nicht die Marktposition etablierter Standorte erreicht hat, wächst ihre Bedeutung deutlich.
CallCenterProfi: Wohin entwickelt sich der Markt in den kommenden Jahren?
Ergün Erdem: Wir gehen davon aus, dass die Branche weiter wachsen wird, insbesondere durch die zunehmende Integration von KI und Automatisierung sowie durch steigendes Outsourcing aus Europa. Prognosen sehen ein weiteres Marktwachstum, wobei das BPO-Volumen deutlich zunehmen dürfte. Technologisch werden KI-basierte Lösungen und generative Chatbots zum Standard, was Effizienzsteigerungen im Self Service ermöglicht. Gleichzeitig verschieben sich die Aufgaben der Agents hin zu komplexeren und strategischeren Tätigkeiten. Auch Homeoffice und Omnichannel-Kommunikation werden weiter an Bedeutung gewinnen.
CallCenterProfi: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für den Standort?
Ergün Erdem: Zu den größten Herausforderungen zählen Inflation und Währungsschwankungen sowie steigende Anforderungen im Datenschutz, insbesondere im europäischen Kontext. Zudem wird die Automatisierung durch KI mittelfristig Auswirkungen auf klassische Agententätigkeiten haben. Auch regulatorische Entwicklungen, etwa im Telekommunikationsbereich, können den Wettbewerb zusätzlich beeinflussen.
CallCenterProfi: Vielen Dank für die interessanten Einblicke, Herr Erdem!
_____________________
Sie wollen mehr wissen?
Alles zur Türkei als Produktionsstandort für deutschsprachige Kundenservices erfahren Sie (mit gültigen Zugangsdaten) in unserem "Nearshore-Kompass Türkei". Die Serie "Nearshore-Kompass" stellt die wichtigsten Outsourcing-Standort für dentschsprachige Kundenservices vor. Die Türkei macht den Anfang - weitere (wie etwa Bulgarien, Griechenland, Kroatien, Polen, Rumänien und Serbien) sind in Vorbereitung.
Newsletter
Mit dem Newsletter von CallCenterProfi erhalten Sie regelmäßig Informationen über aktuelle Trends im Servicemanagement. Natürlich kostenlos!
> Aktuellen Newsletter ansehen










