Bis zu 60.000 Beschäftigte: Betrügerische Call Center in der Ukraine im Visier

Betrügerische Call Center haben sich in der Ukraine zu einem hochprofessionellen kriminellen Geschäft entwickelt. Eine aktuelle Studie schätzt, dass rund 60.000 Menschen in solchen Strukturen arbeiten könnten. Auch Deutschland gehört zu den Zielmärkten. Aktuelle Ermittlungen nähren zudem den Verdacht, dass einzelne Center durch korrupte Behördenmitarbeiter geschützt wurden.
Die Tagesschau hat das Thema am 15. September zur besten Sendezeit aufgegriffen und über die Dimension betrügerischer Call Center in der Ukraine berichtet. Hintergrund sind unter anderem neue Korruptionsermittlungen sowie eine im April veröffentlichte Untersuchung der Global Initiative Against Transnational Organized Crime (GI-TOC).
Die Studie „Kyiv Calling – The scam call centre phenomenon in Ukraine“ zeichnet das Bild einer inzwischen weitgehend professionalisierten Branche. Nach einer der von den Autoren herangezogenen Schätzungen arbeiten rund 60.000 Menschen in betrügerischen Call Centern – etwa zwei Drittel der Beschäftigtenzahl des regulären ukrainischen Bankensektors. Mitte 2023 soll es zwischen 1.000 und 2.000 solcher Center gegeben haben. Durch verstärkte Strafverfolgung sei ihre Zahl später um etwa ein Drittel zurückgegangen. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass verlässliche Zahlen aufgrund der abgeschotteten Strukturen schwer zu ermitteln sind.
Strukturen wie in professionellen Contact Centern
Bemerkenswert ist die Organisation der illegalen Betriebe. Die Studie beschreibt klar definierte Hierarchien und Rollen: Mitarbeiter für die Erstansprache, sogenannte „Colders“, übergeben erfolgversprechende Kontakte an erfahrenere „Closers“, die den eigentlichen Betrug abschließen sollen. Hinzu kommen HR, IT, Sicherheit, Administration und teilweise externe Trainer. Gespräche werden ausgewertet, Scripts optimiert und Beschäftigte geschult. Auch Bonus- und Motivationssysteme kommen zum Einsatz.
Die Betrugsmodelle reichen von vermeintlichen Geldanlagen über Romance Scams bis zur Nachahmung von Banken oder Behörden. Entscheidend ist dabei häufig Social Engineering: Die Mitarbeiter bauen gezielt Vertrauen auf oder setzen ihre Opfer unter Druck, um Überweisungen auszulösen oder Zugang zu sensiblen Daten und Konten zu erhalten.
Auch die finanziellen Dimensionen sind erheblich. Ein mittelgroßes betrügerisches Call Center könne nach Angaben eines von GI-TOC befragten ukrainischen Abgeordneten rund eine Million US-Dollar pro Monat einnehmen, ein großes bis zu drei Millionen US-Dollar. Auf Basis von angenommenen 1.000 Centern errechnet die Studie ein theoretisches Marktvolumen von bis zu einer Milliarde US-Dollar monatlich. Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine Modellrechnung und nicht um eine belastbare Umsatzstatistik.
Deutschland gehört zu den Zielmärkten
Längst beschränken sich die Aktivitäten nicht mehr auf die Ukraine oder Russland. Die Untersuchung dokumentiert Opfer beziehungsweise Zielmärkte in mindestens 29 Ländern. Auf der von GI-TOC erstellten Übersicht wird auch Deutschland genannt. Bei einer Auswertung ukrainischer Stellenportale im Sommer 2025 fanden die Forscher zudem hoch bezahlte Stellenangebote, in denen ausdrücklich Deutsch-, Italienisch-, Tschechisch- oder Slowakischkenntnisse verlangt wurden.
Neue Brisanz erhält das Thema durch aktuelle Ermittlungen des ukrainischen Nationalen Antikorruptionsbüros NABU und der Sonderstaatsanwaltschaft SAPO. Nach deren Angaben soll ein Abteilungsleiter der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft seit Mitte 2025 eine kriminelle Organisation angeführt haben, die systematisch Bestechungsgelder von betrügerischen Call Centern erhalten habe. Im Gegenzug sollen deren Aktivitäten unbehelligt geblieben sein. Zudem werde wegen Geldwäsche in Millionenhöhe ermittelt. Bislang werden fünf Personen als Beschuldigte geführt; die Ermittlungen dauern an. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
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