CallCenter Profi

"War for Agents" in Mannheim

 – Alexander Jünger

Aktionen zur aktiven Ansprache potenzieller Call Center-Agents nehmen hierzulande inzwischen sehr kreative Züge an. Ein aktueller Fall aus Mannheim überschreitet aus Sicht der adm GmbH die "Grenzen des Fair-Play".

Gestern erreichte uns eine Presseinformation des Call Center-Dienstleisters adm aus Mannheim, der durch eine aktuelle Personalbeschaffung-Aktion seines Mitbewerbers SIM Communication Center GmbH die "Grenzen des Fair-Play überschritten" sieht. Stein des Anstoßes ist ein seit letzten Freitag direkt vorm adm-Call Center geparkter LKW, auf dessen Ladefläche eine Katja Müller verkündet: "Ich verdiene 16 Euro in der Stunde bei SIM."

Thomas-Marco Steinle, adm-Geschäftsführer kann darüber nicht wirklich lachen: "Die Branche weiß offensichtlich, auf welchem hohen Niveau unsere Mitarbeiter arbeiten und dass wir viel in Schulung investieren, aber ein so dreister Abwerbungsversuch verstößt gegen die Regeln des Fair-Plays, vor allem in einer relativ kleinen Stadt wie Mannheim. Bei adm herrscht eine sehr hohe Mitarbeiterzufriedenheit und deshalb eine niedrige Fluktuation, so dass dieser dreiste Versuch sicherlich erfolglos bleiben wird."

Auf unsere Nachfrage erfahren wir heute von SIM, dass das Unternehmen gerade eine "groß angelegte Werbekampagne zur Rekrutierung von Mitarbeitern" fährt. Neben Kinowerbung, Promotion-Teams, Großflächenprojektionen und der SIM-Straßenbahn komme auch mobile Werbung zum Einsatz. Die "wichtige Botschaft, die wir an potenzielle Bewerber richten wollen ist, dass SIM tatsächlich bereit ist, einen Stundenlohn von 16 Euro und mehr zu bezahlen", erklärte Robert Fahrland, geschäftsführender Gesellschafter der SIM Communication Center GmbH. SIM sei ein 100-prozentiges Outbound-Unternehmen und bekanntlich werde im Vertrieb immer besser bezahlt, als in anderen Unternehmensbereichen. "Es ist auch in dieser Branche an der Zeit, dass für gute Arbeit gutes Geld bezahlt wird", so Fahrland. Bei der Werbekampagne sei es ihm vor allem auf "einen höchst möglichen Werbeerfolg" angekommen. "Wir sehen in der Ausschöpfung der Rekrutierungsmöglichkeiten keinen Verstoß gegen das Fair-Play, zumal sich jeder Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz selbst aussuchen kann“, so Fahrland abschließend.

Zustände, die den ein oder anderen Branchenexperten ein bisschen an Indien erinnern. Auch hier sind in den Ballungsgebieten kreative und teilweise skurile Abwerbungsmethoden an der Tagesordnung. Eine besonders ausgefallene wie effektive Maßnahme lernte die Redaktion CallCenterProfi im Rahmen der Recherchen für einen Beitrag über den Call Center-Standort Indien kennen. Dort fuhr ein Call Center-Betreiber mit einem Bus zum Wettbewerber und fing dort eine ganze Schicht Agents ab, die gerade das Call Center verließen. "Eine Freifahrt nach Hause" - so lautete das Angebot, dass die Leute natürlich gern annahmen. Im Bus begann dann eine geplante Werbeveranstaltung - nur nicht für Kamelhaardecken, sondern - für einen neuen Job. Das Hauptargument für die knapp 60 Agents, ihrem bis eben noch Chef ein massives Problem mit dem Intraday Management seiner Personaleinsatzplanung am nächsten Tag zu beschehren und mit wehenden Fahnen überzulaufen, war in diesem Fall eine vorhandene Klimaanlage im Call Center des neuen Arbeitgebers.

Ein weiterer kreativer Versuch, Agents eines Marktbegleiters abzuwerben, ist der Redaktion CallCenterProfi zudem aus der Region Bodensee bekannt. Der See als geografische Scheide macht es den personalintensiven Call Centern schwer, an ausreichend qualifiziertes Personal zu gelangen und dementsprechend direkt ist man in der Ansprache potenziell Interessierter. Auf dem Betriebsparkplatz eines Call Center-Dienstleisters kann man natürlich davon ausgehen, branchenaffinen Menschen zu begegnen - mindestens aber deren fahrbaren Untersätzen. So geschehen beim Call Center-Dienstleister Auf Draht Telefon- und Direktmarketing GmbH mit Sitz in Konstanz. Ein Mitbewerber aus der nur wenige Meter entfernten Schweiz dachte sich scheinbar: Was die Autoexporteure und Gebrauchtwagenhändler können, können wir schon lange und ließ kleine Kärtchen hinter die Scheibenwischer der Autos klemmen. Bedruckt mit Angaben zum (natürlich höheren) Stundenlohn sowie den Kontakten des Absenders.

Solche Aktionen zeigen: Wenn Call Center einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in einer Region ausmachen und das Angebot an neuen Mitarbeitern immer überschaubarer wird, um so ungewöhnlicher werden die Maßnahmen im "War for Agents". Die Grenzen des Fair-Play sind hier fließend und sicher im Einzelfall zu diskutieren.

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